Monologe / Moderne (bis 1945) / Männliche Figur
Moderne (bis 1945) · ca. 1890–1945

„Es hat etwas Beschämendes, Mensch gewesen zu sein, ohne das Menschlichste kennen gelernt zu haben.“

Moritz

Frühlings Erwachen · Frank Wedekind, 1891, Uraufführung 1906

Männliche FigurSpielalter jung (bis ca. 25)Dramatischca. 6 MinutenText gratis
Frank Wedekind · Bild: historische Fotografie, Wikimedia Commons, gemeinfrei
Fundstelle(2. Akt, 7.Szene; Moritz allein im Wald.)
Dauerca. 6 Minuten

Das Stück

Im späten 19. Jahrhundert wird das Thema Sexualität von Eltern und Lehrern konsequent tabuisiert. Rund um die Schüler Melchior, Moritz, Hänschen Rilow und Wendla entwickelt sich eine Kindertragödie, denn die pubertierenden Jugendlichen werden mit ihren Ängsten und Fragen von den strengen und moralischen Erwachsenen völlig allein gelassen.

Während Wendla von ihrer Mutter über Sexualität und Fortpflanzung völlig im Dunkeln gehalten wird, fertigt Melchior für seinen versetzungsgefährdeten Freund Moritz ausführliche Aufklärungszeichnungen an. Als Wendla im Wald zufällig auf Melchior trifft, bittet sie ihn aus Neugier, sie zu schlagen. Er zögert, lässt sich überzeugen und verprügelt sie regelrecht. Später begegnen sich beide auf dem Heuboden. Von seinen Trieben überwältigt, ignoriert er Wendlas Widerstand und vergewaltigt das Mädchen. Moritz indes kommt mit dem enormen Leistungsdruck nicht zurecht. Im Wald bedauert er, keine körperlichen Erfahrungen gemacht zu haben und erschießt sich.

Nach dem Suizid wird Melchior, dessen Aufklärungszeichnungen gefunden wurden, der Schule verwiesen und von seinen Eltern in eine Besserungsanstalt geschickt. Wendla klagt über Übelkeit. Mutter und Arzt versuchen dem Mädchen die Bleichsucht einzureden. Doch weil die Schwangerschaft nicht zu verbergen ist, zwingt ihre Mutter sie zu einer Abtreibung. Diese überlebt Wendla nicht.

Melchior flieht aus der Anstalt und landet auf dem Friedhof. Hier entdeckt er Wendlas Grab und den Geist des toten Moritz Stiefel. Moritz versucht den verzweifelten Melchior in die Totenwelt zu locken, doch Melchior entscheidet sich für das Leben.

In dem Nebenstrang um Hänschen Rilow, macht Wedekind sogar Selbstbefriedigung und Homosexualität zu einem Thema des Stückes und löste damit einen riessigen Skandal aus.

Spielflow-Spielanleitung

So spielst du’s

Situation, Ziel der Figur und Spielhinweise

  • 1Was ist direkt vor dem Monolog passiert, und was bringt Moritz zum Sprechen?
  • 2Was will Moritz in diesem Moment erreichen, und von wem?
  • 3Wo liegen die typischen Fallen, wenn man diese Rolle vorspricht?
🔒 Die Antworten sind Teil der Freischaltung, ab 2,99 €

Der Monolog

Originaltext, gratis lesbar

Moritz · Frühlings Erwachen

Besser ist besser. - Ich passe nicht hinein. Mögen sie einander auf die Köpfe steigen. - Ich ziehe die Tür hinter mir zu und trete ins Freie. - Ich gebe nicht so viel darum, mich herumdrücken zu lassen.

Ich habe mich nicht aufgedrängt. Was soll ich mich jetzt aufdrängen! - Ich habe keinen Vertrag mit dem lieben Gott. Mag man die Sache drehen, wie man sie drehen will. Man hat mich gepresst. - Meine Eltern mache ich nicht verantwortlich. Immerhin mussten sie auf das Schlimmste gefasst sein. Sie waren alt genug, um zu wissen, was sie taten. Ich war ein Säugling, als ich zur Welt kam - sonst wäre ich wohl auch noch so schlau gewesen, ein anderer zu werden. - Was soll ich dafür büßen, dass alle andern schon da waren!

Ich müsste ja auf den Kopf gefallen sein… macht mir jemand einen tollen Hund zum Geschenk, dann gebe ich ihm seinen tollen Hund zurück. Und will er seinen tollen Hund nicht zurücknehmen, dann bin ich menschlich und…

Ich müsste ja auf den Kopf gefallen sein!

Man wird ganz per Zufall geboren und sollte nicht nach reiflichster Überlegung - - - es ist zum Totschießen! - Das Wetter zeigte sich wenigstens rücksichtsvoll. Den ganzen Tag sah es nach Regen aus, und nun hat es sich doch gehalten. - Es herrscht eine seltene Ruhe in der Natur. Nirgends etwas Grelles, Aufreizendes. Himmel und Erde sind wie durchsichtiges Spinnewebe. Und dabei scheint sich alles so wohl zu fühlen. Die Landschaft ist lieblich wie eine Schlummermelodie - “schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein” , wie Fräulein Snandulia sang. Schade, dass sie die Ellbogen ungraziös hält! - Am Cäcilienfest hab ich zum ersten mal getanzt. Snandulia tanzt nur mit Partien. Ihre Seidenrobe war hinten und vorn ausgeschnitten. Hinten bis auf den Taillengürtel und vorne bis zu Bewusstlosigkeit. - Ein Hemd kann sie nicht angehabt haben …

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Das wäre etwas, was mich noch fesseln könnte. - Mehr der Kuriosität halber. - Es muss ein sonderbares Empfinden sein - - ein Gefühl, als würde man über Stromschnellen gerissen - - - Ich werde es niemandem sagen, dass ich unverrichteter Sache wiederkehre. Ich werde so tun, als hätte ich alles das mitgemacht… Es hat etwas Beschämendes, Mensch gewesen zu sein, ohne das Menschlichste kennen gelernt zu haben. - Sie kommen aus Ägypten, verehrter Herr und haben die Pyramiden nicht gesehn?!

Ich will heute nicht wieder weinen. Ich will nicht wieder an mein Begräbnis denken - - Melchior wird mir einen Kranz auf den Sarg legen. Pastor Kahlbauch wird meine Eltern trösten - Rektor Sonnenstich wird Beispiele aus der Geschichte zitieren. - Einen Grabstein werd ich wahrscheinlich nicht bekommen. Ich hätte mir eine schneeweiße Marmorurne auf schwarzem Syenitsockel gewünscht - ich werde sie ja gottlob nicht vermissen. Die Denkmäler sind für die Lebenden, nicht für die Toten.

Ich brauchte wohl ein Jahr, um in Gedanken von allen Abschied zu nehmen. Ich will nicht wieder weinen. Ich bin froh, ohne Bitterkeit zurückblicken zu dürfen. Wie manchen schönen Abend ich mit Melchior verlebt habe! - unter den Uferweiden; beim Forsthaus; am Heerweg draußen, wo die fünf Linden stehen; auf dem Schlossberg, zwischen den lauschigen Trümmern der Runenburg. - - - Wenn die Stunde gekommen, will ich aus Leibeskräften an Schlagsahne denken. Schlagsahne hält nicht auf. Sie stopft und hinterlässt dabei doch einen angenehmen Nachgeschmack . . . Auch die Menschen hatte ich mir unendlich schlimmer gedacht. Ich habe keinen gefunden, der nicht sein Bestes gewollt hätte. Ich habe manchen bemitleidet um meinetwillen.

Ich wandle zum Altar wie der Jüngling im alten Etrurien, dessen letztes Röcheln der Brüder Wohlergehen für das kommende Jahr erkauft. - Ich durchkoste Zug für Zug die geheimnisvolle Schauer der Loslösung. Ich schluchze vor Wehmut über mein Los. - - Das Leben hat mir die kalte Schulter gezeigt. Von drüben her sehe ich ernste freundliche Blicke winken: die kopflose Königin, die kopflose Königin - Mitgefühl, mich mit weichen Armen erwartend . . . Eure Gebote gelten für Unmündige; ich trage mein Freibillett in mir. Sinkt die Schale, dann flattert er Falter davon; das Trugbild geniert nicht mehr. - Ihr solltet kein tolles Spiel mit dem Schwindel treiben! Der Neben zerrinnt; das Leben ist Geschmacksache.

Text gemeinfrei

Jetzt fehlt nur noch, wie du ihn spielst.

Spielanleitung: Situation, Ziel der Figur, typische Fallen beim Vorsprechen

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Die Epoche: Moderne (bis 1945)

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