Das Stück
Die berühmte Schauspielerin Irina Arkadina ist mit ihrem Liebhaber dem begnadeten Schriftsteller Trigorin auf das Landgut ihres Bruders Sorin gereist. Dort in der russischen Provinz prallen nun Egos auf Ideale und Provokationen auf Ignoranz. Irinas Sohn, Konstantin Treplew entwickelt ein Theaterstück und möchte es den anwesenden Gästen aufführen. Er sehnt sich nach neuen Formen, aber noch viel mehr nach Aufmerksamkeit, um endlich aus dem Schatten seiner Mutter hervorzutreten. In seinem Stück spielt die Nachbarin Nina, in die Konstantin unsterblich verliebt ist, die Hauptrolle. Sie möchte nichts lieber als eine bekannte Schauspielerin sein, um dem öden Leben in der Provinz zu entkommen. Das Stück, welches von den bekannten Künstlern eher belächelt als ernst genommen wird, bricht Konstantin kurzerhand verzweifelt ab, weil er die Kommentare seiner Mutter nicht ertragen kann. Zutiefst gedemütigt zieht er sich zurück.
Nach der Aufführung kommt Nina mit Trigorin ins Gespräch. Er lobt ihr Spiel und sein Charme zieht sie in den Bann. Sie beginnt für Trigorin zu schwärmen und er nutzt diese Gelegenheit schamlos aus. Konstantin fühlt sich jetzt von allen Seiten betrogen und verraten, er schießt eine Möwe vom Himmel und legt sie Nina zu Füßen. Diese ist von diesem Symbol irritiert und angewidert. Als Irina und Trigorin abreisen, schließt sich Nina dem Schriftsteller an, um ihren Traum zu verwirklichen.
Zeitsprung. Einige Jahre später befinden wir uns erneut auf dem Landgut. Treplew ist tatsächlich Schriftsteller geworden und jetzt trifft er auf seine Jugendliebe Nina. Nina hatte wenig Erfolg als Schauspielerin, das gemeinsame Kind mit Trigorin hat sie verloren, und schließlich wurde sie sitzen gelassen. Sie ist vollkommen gebrochen und trotzdem nicht bereit, ihren Traum aufzugeben, obwohl sie nur noch ein Schatten von sich selbst ist. Treplew, der immer noch Hoffnung hatte, dass seine Jugendliebe zu ihm zurückkehrt, ist konsterniert, er nimmt ein Gewehr und erschießt sich.
So spielst du’s
Situation, Ziel der Figur und Spielhinweise
- 1Was ist direkt vor dem Monolog passiert, und was bringt Treplew zum Sprechen?
- 2Was will Treplew in diesem Moment erreichen, und von wem?
- 3Wo liegen die typischen Fallen, wenn man diese Rolle vorspricht?
Der Monolog
Originaltext, gratis lesbar
Sie kennt mein Stück noch gar nicht - und hasst es schon.
Es verdrießt sie schon, dass hier auf dieser kleinen Bühne die Saretschnaja Erfolge haben wird und nicht sie.
Sie ist ein psychologisches Kuriosum, meine Mutter. Unstreitig sehr begabt und klug, über einem Buch kann sie bitterlich weinen; den ganzen Nekrassow kann sie auswendig, und am Krankenbett ist sie ein Engel; aber versuch mal, in ihrer Gegenwart die Duse zu rühmen! Oh! Nur sie allein soll man loben, nur von ihr schreiben, nur ihren Namen ausschreien, von ihrem unübertrefflichen Spiel in der »Kameliendame« oder im »Dunst des Lebens« entzückt sein, und weil sie hier, auf dem Lande, diesen Rausch entbehren muß, so langweilt sie sich, ist wütend – und wir alle sind natürlich ihre Feinde, wir alle sind daran schuld. Dann ist sie auch abergläubisch, erschrickt, wenn sie drei brennende Kerzen sieht, hat Angst vor der Zahl dreizehn. Und geizig ist sie – sie hat in Odessa siebzigtausend Rubel auf der Bank liegen, das weiß ich genau. Will man aber von ihr eine Kleinigkeit borgen – dann weint sie.
(die Blättchen einer Blume abzupfend:) Sie liebt mich – liebt mich – liebt mich nicht, liebt mich – liebt mich nicht. (Lacht.) Siehst du, meine Mutter liebt mich nicht. Kein Wunder: Sie will leben und lieben, sie will helle Kleider tragen – und ich, ihr Sohn, bin fünfundzwanzig Jahre alt, ich erinnere sie beständig daran, dass sie nicht mehr jung ist. Bin ich nicht da, dann zählt sie erst zweiunddreißig, in meiner Gegenwart aber ist sie dreiundvierzig. Darum hasst sie mich. Sie weiß auch, dass ich für das Theater nichts übrig habe. Sie schwärmt für die Bühne, sie glaubt der Menschheit, der heiligen Kunst zu dienen, während ich das Theater von heut für Routine und Konvention halte. Wenn der Vorhang aufgeht und in dem Zimmer mit den drei Wänden diese großen Talente, diese Priester der heiligen Kunst dem Publikum im Rampenlicht vormachen, wie die Leute essen, trinken, lieben, umhergehen, ihre Röcke tragen; wenn sie aus banalen Bildern und Phrasen einen Moral herauszutüfteln suchen – eine kleinliche, vulgäre Moral für jedermanns Hausgebrauch, wenn sie mir in tausend Variationen immer und immer wieder dieselbe Kost servieren – dann möchte ich fortlaufen, weit. Weit weg, wie Maupassant vor dem Eiffelturm fortlief, dessen Banalität sein Hirn zu Boden drückte –
Das Theater muss neue Formen annehmen. Wir brauchen neue Formen, und wenn sie nicht da sind – dann lieber gar nichts. (Blickt auf die Uhr.) Ich liebe meine Mutter, liebe sie sehr, aber sie führt ein unvernünftiges Leben, schleppt sich ewig mit diesem Belletristen herum, ihr Name wird immerfort durch die Zeitungen gezerrt – und das quält mich. Zuweilen regt sich in mir einfach der Egoismus eines gewöhnlichen Sterblichen; ich bedaure dann, dass meine Mutter eine bedeutende Schauspielerin ist, und es scheint mir, dass ich weit glücklicher sein würde, wenn sie eine einfache Frau wäre. Sag selber, Onkel: kann’s eine fatalere, eine albernere Lage geben; da versammelten sich zuweilen bei ihr Künstler und Schriftsteller, lauter Berühmtheiten – und ich bin der einzige darunter, der gar nichts ist, der nur geduldet wird, weil ich ihr Sohn bin. Wer bin ich? Was bin ich? Als Student im dritten Semester habe ich die Universität verlassen müssen – unter Umständen, die, wie man zu sagen pflegt, von der Redaktion unabhängig waren; Talente sind mir nicht gegeben, Geld hab’ ich nicht, und laut meinem Pass bin ich ein simpler Kleinbürger aus Kiew, wie mein Vater, der übrigens auch ein ganz tüchtiger Schauspieler war. Wenn nun in Mamas Salon diese berühmten Künstler und Schriftsteller sich wirklich einmal gnädig zu mir herabließen, dann war’s mir immer, als wollten sie mit ihren Blicken meine ganze Erbärmlichkeit ermessen – und ich erriet ihre Gedanken und litt unter dieser Demütigung – –
Übersetzung: August Scholz (gemeinfrei)
Jetzt fehlt nur noch, wie du ihn spielst.
Spielanleitung: Situation, Ziel der Figur, typische Fallen beim Vorsprechen
oder alle 102 Texte für 19,99 €Die Epoche: Realismus
Realismus: Suche nach Wahrheit Der Realismus (ca. 1848–1890) richtet den Blick auf die wahrnehmbare Wirklichkeit und damit auf das Alltagsleben und die Psychologie des Einzelnen. Allerdings wird die Realität nicht eins zu eins wiedergegeben, sie wird künstlerisch geformt und poetisiert. Die Handlungen müssen plausibel und nachvollziehbar sein, dürfen aber geschönt werden. Deutscher vs. Europäischer Realismus Deutscher Realismus: In Deutschland zeigt sich diese Epoche vor allem in Romanen, Novellen und Gedichten (vgl. …
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Die Kunst kennt keine Grenzen: Jede Rolle kann von jedem gespielt werden. Die Angabe zur Figur beschreibt nur die Figur im Stück.
