Monologe / Naturalismus / Männliche Figur
Naturalismus · ca. 1880–1900

„hier is noch’n Hufeisen! Det ha ick jefunden! Det bringt Glick! Ick brauche ihm nich.“

Bruno

Die Ratten · Gerhart Hauptmann, 1909/10

Männliche FigurSpielalter jung (bis ca. 25)Dramatischca. 5 MinutenKlassikerVorsprech-FassungText gratis
Fundstelle(4. Akt; Im Gespräch mit der Schwester Frau John)
Dauerca. 5 Minuten

Das Stück

Die Putzfrau Frau John hat ihr eigenes Kind kurz nach der Geburt verloren. Aus diesem schweren Verlust entwickelt sie eine krankhafte Sehnsucht nach einem Baby. Als das mittellose Dienstmädchen Pauline mit einem unehelichen Kind schwanger ist, wittert Frau John ihre Chance: Sie kauft dem Dienstmädchen das Baby ab und gibt es fortan als ihr eigenes aus.

Doch Pauline kommt mit dem Geschäft nicht zurecht. Aus Angst vor den Behörden und von Gewissensbissen geplagt, fordert sie ihr Kind zurück. Frau John gerät in Panik. Sie schickt ihren kleinkriminellen Bruder Bruno los, um Pauline zu bedrohen und zu erpressen. Doch Bruno missversteht seine Schwester und nimmt sie zu wörtlich: als sich Pauline wehrt, geht er zu weit und bringt die junge brutal Mutter um.

Frau John kann ihr Lügengeflecht nicht länger aufrechterhalten und muss ihrem Ehemann die Wahrheit gestehen. Als die Polizei anrückt, um das Baby ins Waisenhaus zu bringen, brennt ihr die Sicherung durch. Sie schnappt sich das Baby und will auf die Straße rennen, um gemeinsam mit ihm in den Tod zu gehen. Doch das Kind wird ihr abgenommen und gerettet. Frau John stürzt alleine hinaus auf die viel befahrene Straße und nimmt sich das Leben.

Der Komödienstrang: Im selben Mietshaus unterrichtet im Dachgeschoss der Theaterdirektor Hassenreuter seine Schauspielschüler. Er versucht ihnen das Pathos näher zu bringen, vergnügt sich mit diversen Frauen und probt Schillers “Die Braut von Messina”. Hauptmann stellt hier satirisch das Alte idealistische Theater (Klassik) dem Neuen (Naturalismus) gegenüber. Er zeigt auf eine entlarvende Weise, wie das veraltete Theater an dem Jetzt, der echten brutalen Realität der Menschen vorbeispielt und plädiert damit für mehr Naturalismus auf den Deutschen Bühnen.


Spielflow-Spielanleitung

So spielst du’s

Situation, Ziel der Figur und Spielhinweise

  • 1Was ist direkt vor dem Monolog passiert, und was bringt Bruno zum Sprechen?
  • 2Was will Bruno in diesem Moment erreichen, und von wem?
  • 3Wo liegen die typischen Fallen, wenn man diese Rolle vorspricht?
🔒 Die Antworten sind Teil der Freischaltung, ab 2,99 €

Der Monolog

Originaltext, gratis lesbar

Bruno · Die Ratten

Ick habe de Nacht durchjescherbelt, Jette. Det siehst doch, det ick bei jute Laune bin.

Pinke musste mich jeben, sonst jeh ick verschütt, Jette.

Jetanzt ha ick, Jette, de halbe Nacht, und denn wa ick ’n bissken jejen Morjenjrauen in’t Jrüne jejang.

Ick bin iebern Hof, denn bei mein Freind durch’n Knochenkeller und hernach iebern Oberboden rinjekomm.

Wuddel nich, Jette. Jieb Reisejeld! Ick jeh verschütt, oder ick muss abtippeln.

I, et hat Rat jejeben, Jette.

Ick ha ihr so weit wenigstens bissken jefiege jemacht.

Jawoll, Det se nu nochma kommt, jloob ick nicht! Aber det wa keen leichtet Stick Arbeet, Jette. Du hast mich mit deine verdammte Pillenkrajerei - ick ha Durscht, Jette, jieb mich zu saufen, Jette! …. hast du mir kochend heeß jemacht. (er trinkt eine Wasserflasche leer.)

Ick ha mir mit Artur verabred, Jette. Von mich wollt’ se nischt wissen. Denn is Artur in feine Kluft anjetänzelt jekomm und hat ihr ooch richtig verschleppt in Bolljongkeller. Det hat se jejloobt, uff dem Leim is se jekrochen, det ihr Breitjam dort warten tut. (Er trällert und tänzelt krampfhaft.)

Unser janzet Leben lang

Von det eene Ristorang

In det andre Ristorang.

Denn wollt’ se fort, weil Adolf jesacht hat, det ihr Breitjam jejangen is! Denn ha ick wollen ihr noch’n Stickchen bejleiten, Artur und Adolf sind mitjejang. Denn sind wir bei Kalinich in de Hinterstube injefallen, und denn is se ja ooch von den vielen Nippen an Groch und Schnäpse molum jeworn. Und denn hat se in’n Bullenwinkel bei eene jenächtigt, wo Arturn seine Jeliebte is. Den nächsten Dach sind wir immer zwee, drei Jungs hinterher jewesen, nicht losjelassen, immer von frischen Quinten jemacht, und in de Schublade is es ja nur ooch lustig zujejang. Aber’t Jeld is futsch. Ick brauche Märker und Pfennije, Jette.

Der olle Verkümmler unten in Knochenkeller meent, det ick an liebsten muss ieber de russische Jrenze jehn! - Heer ma, Jette, de Jlocken läuten.

Nimm ma’n nasses Handtuch, Jette, un du ooch’n bissken Essig druff. Ick weeß nich, wat mich det Nasenbluten janze Nacht schon jeärjert hat. (er drückt sein Taschentuch an die Nase.)

Heute Morjen halb viere hätt se der Jlockläuten noch heeren jekonnt.

Mit Brunon is nich zu spaßen, Jette. Wenn de zu Minan hinjehst, denn sache, det ick ma ooch uff so wat vastehe und det mit Karl und Fritzen det Jehänsel ’n Ende hat.

Na jut, denn mache ick Bammelmann, und denn hab se uff Charité wieder ma wat zum Sezieren.

Du bist ’ne olle vadrehte Person, Jette. Ihr sagt immer, det ick zu ja nischt nitze bin, aber wenn’t jar nicht mehr jeht, denn braucht ihr mir, Jette.

De habe Nacht hab ick mit ihr jetanzt. Nu sind wir uff de Straße jejang. Denn war’n Heer mitjekomm, vastehste! Und wie det ick jesacht habe, det ick von meinswejen mit die Damen ’n Hiehnchen zu pflicken habe und ’n Schneidering aus de Bucksen jezogen, hat er natierlich Reißaus jenomm. - Nu ha ick zu ihr jesacht: “ Ängsten sich nich, Freilein! Wo jutwillig sind und wo keen Lärm schlachen und nie nich mehr bei meine Schwester nachfrachen nach ihr Kind, soll allet janz jietlich in Juten vereinigt sind!” Und denn is se mit mich jejondelt ’n Sticksken.

Na und? - Und da wollte se nich! - Und da fuhr se mit eemal nach meine Jurjel, det ick denke… wie’n Beller, der toll jeworden is! Und hat noch Saft in de Knochen jehat… det ick jleich denke, det ick soll alle werden! Na, und da… da war ick nu ooch’n bissken frisch - und denn war et - denn war et halt so jekomm.

Der Mond hat’n jroßen Hof jehat. Uff’n Zimmerplatz hinter de Planken is een Luder von Hund immer ruffjesprung und angeschlagen. Denn dreppelte et, und denn is’n Jewitter niederjejang.

Na, nu sehn wa uns ville Jahr nich.

Erst muss ick ma Stunde zweee längelang uff’n Riecken liejen. Ick ooch! Ick jeh zu Fritzen, wo eene Kammer in’t olle Polizeijefängnis jejenieber de Fischerbrücke zu Miete hat. Dort bin ick sicher. Wo Uffstoß is, kannste mich Nachricht zukommen lassen.

Wacht ma, Jette: hier is noch’n Hufeisen! (er legt ein Hufeisen auf den Tisch.) Det ha ick jefunden! Det bringt Glick! Ick brauche ihm nich.

Text gemeinfrei

Jetzt fehlt nur noch, wie du ihn spielst.

Spielanleitung: Situation, Ziel der Figur, typische Fallen beim Vorsprechen

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Die Epoche: Naturalismus

Naturalismus: Mensch unterm Mikroskop Der Naturalismus (ca. 1880–1900) ist die radikale Weiterentwicklung des Realismus. Fast sachlich spart er nun das Poetische und Ästhetische aus, um einen noch direkteren, ungeschönten Blick auf die Gesellschaft zu gewinnen. Die Realität soll eins zu eins wiedergegeben werden. Ausschlaggebend für diese Entwicklung sind die Industrialisierung und die Fortschritte in den Wissenschaften (Psychologie, Naturwissenschaften usw.). Gefangen im Milieu: Der Blick der Dichter wendet sich dem Tabuisierten …

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Lora

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