Monologe / Zwischen Klassik und Romantik / Männliche Figur
Zwischen Klassik und Romantik · um 1800

„Ob ich mutig bin, Ein Mann von Herz; das hätte mein Gebieter Auf anderm Wege auch erproben können.“

Sosias

Amphitryon · Heinrich von Kleist, 1807

Männliche FigurSpielalter mittel (ca. 25–45)Komischca. 6 MinutenText gratis
Heinrich von Kleist · Bild: nach Peter Friedel (1801), Wikimedia Commons, gemeinfrei
Fundstelle(1. Akt - 1.Szene - Sosias tritt alleine mit einer Laterne auf.)
Dauerca. 6 Minuten

Das Stück

Thebens Feldherr Amphitryon hat die Athener besiegt. Noch in der Nacht schickt er seinen Diener Sosias los, um seiner Frau Alkmene von dem Triumph in der Schlacht von Pharissa und der Rückkehr seines Herrn zu berichten. Allerdings wird der Bote kurz vor seinem Ziel von einem göttlichen Doppelgänger aufgehalten. Merkur, als Sosias verkleidet, trifft auf den echten Sosias und verprügelt den armen Diener. Ein Ablenkungsmanöver, denn im Haus des Feldherrn hat sich ein weiterer göttlicher Doppelgänger eingeschlichen. Niemand Geringerer als Donnergott Jupiter mogelt sich, als Amphitryon verkleidet, in Alkmenes Schlafzimmer und verbringt eine leidenschaftliche Liebesnacht mit ihr.

Als der echte Amphitryon heimkehrt, empfängt ihn seine Frau anders als erwartet: Keine sehnsuchtsvolle Freude über die Rückkehr ihres Gatten, stattdessen eine alltägliche unbeeindruckte Kühle. Sie geht davon aus, dass er schon die ganze Nacht mit ihr verbracht hat und berichtet ihm davon. Amphitryon ist irritiert, enttäuscht und fühlt sich hintergangen und betrogen. Jupiter, von Eitelkeit getrieben, erscheint erneut vor Alkmene und offenbart ihr, dass der Göttervater höchstpersönlich in dieser Nacht bei ihr lag.

In einem finalen Showdown stehen sich Amphitryon und seine göttliche Kopie gegenüber. Alkmene muss entscheiden, wer der echte Ehemann ist. Sie und alle Feldherren Thebens sind sich sicher: Der echte Amphitryon muss diese selbstbewusst strahlende Version sein und zeigen dabei leider auf den Falschen. Der Echte steht verzweifelt daneben. Jupiter enthüllt schließlich seine wahre Identität und prophezeit die Geburt des Herkules. Amphitryon bedankt sich demütig und Alkmene ist von dem göttlichen Übergriff erschüttert. Das Stück endet mit ihrem berühmten Ausruf “Ach!”, der offenlässt, ob die menschliche Seele die göttliche Willkür jemals verarbeiten kann.

Spielflow-Spielanleitung

So spielst du’s

Situation, Ziel der Figur und Spielhinweise

  • 1Was ist direkt vor dem Monolog passiert, und was bringt Sosias zum Sprechen?
  • 2Was will Sosias in diesem Moment erreichen, und von wem?
  • 3Wo liegen die typischen Fallen, wenn man diese Rolle vorspricht?
🔒 Die Antworten sind Teil der Freischaltung, ab 2,99 €

Der Monolog

Originaltext, gratis lesbar

Sosias · Amphitryon

Heda! Wer schleicht da? Holla! - Wenn der Tag

Anbräche, mir wärs lieb; die Nacht ist - Was?

Gut Freund, ihr Herrn! Wir gehen eine Straße -

Ihr habt den ehrlichsten Gesell’n getroffen,

Bei meiner Treu, auf den die Sonne scheint -

Vielmehr der Mond jetzt, wollt ich sagen -

Spitzbuben sinds entweder, feige Schufte,

Die nicht das Herz, mich anzugreifen, haben:

Oder der Wind hat durch das Laub gerasselt.

Jedweder Schall hier heult in dem Gebirge. -

Vorsichtig! Langsam! - Aber wenn ich jetzt

Nicht bald mit meinem Hut an Theben stoße,

So will ich in den finstern Orkus fahren.

Ei, hols der Henker! Ob ich mutig bin,

Ein Mann von Herz; das hätte mein Gebieter

Auf anderm Wege auch erproben können.

Ruhm krönt ihn, spricht die ganze Welt, und Ehre,

Doch in der Mitternacht mich fortzuschicken,

Ist nicht viel besser, als ein schlechter Streich.

Ein wenig Rücksicht wär, und Nächstenliebe,

So lieb mir, als der Keil von Tugenden,

Mit welchem er des Feindes Reihen sprengt.

Sosias, sprach er, rüste dich mein Diener,

Du sollst in Theben meinen Sieg verkünden

Und meine zärtliche Gebieterin

Von meiner nahen Ankunft unterrichten.

Doch hätte das nicht Zeit gehabt bis morgen,

Will ich ein Pferd sein, ein gesatteltes!

Doch sieh! Da zeigt sich, denk ich, unser Haus!

Triumph, du bist nunmehr am Ziel, Sosias,

Und allen Feinden soll vergeben sein.

Jetzt, Freund, mußt du an deinen Auftrag denken;

Man wird dich feierlich zur Fürstin führen,

Alkmen’, und den Bericht bist du ihr dann,

Vollständig und mit Rednerkunst gesetzt

Des Treffens schuldig, das Amphitryon

Siegreich fürs Vaterland geschlagen hat.

- Doch wie zum Teufel mach ich das, da ich

Dabei nicht war? Verwünscht. Ich wollt: ich hätte

Zuweilen aus dem Zelt geguckt,

Als beide Heer im Handgemenge waren.

Ei was! Vom Hauen sprech ich dreist und Schießen,

Und werde schlechter nicht bestehn, als andre,

Die auch den Pfeil noch pfeifen nicht gehört. -

Doch wär es gut, wenn du die Rolle übtest?

Gut! Gut bemerkt, Sosias! Prüfe dich.

Hier soll der Audienzsaal sein, und diese

Latern Alkmene, die mich auf dem Thron erwartet.

(er setzt die Laterne auf den Boden)

Durchlauchtigste! Mich schickt Amphitryon,

Mein hoher Herr und Euer edler Gatte,

Von seinem Siege über die Athener

Die frohe Zeitung Euch zu überbringen.

- Ein guter Anfang! - “Ach, wahrhaftig, liebster

Sosias, meine Freude mäßg’ ich nicht,

Da ich dich wiedersehe.” - Diese Güte,

Vortreffliche, beschämt mich, wenn sie stolz gleich

Gewiß jedweden andern machen würde.

- Sieh! Das ist auch nicht übel! - “Und dem teuren

Geliebten meiner Seel Amphitryon,

Wie gehts ihm?” - Gnädge Frau, das faß ich kurz:

Wie einem Mann von Herzen auf dem Feld des Ruhms!

- Ein Blitzkerl! Seht die Suade! - “Wann denn kommt er?”

Gewiß nicht später, als sein Amt verstattet,

Wenn gleich vielleicht so früh nicht, als er wünscht.

- Potz, alle Welt! - “Und hat er sonst dir nichts

Für mich gesagt, Sosias?” - Er sagt wenig,

Tut viel, und es erbebt die Welt vor seinem Namen.

- Daß mich die Pest! Wo kömmt der Witz mir her?

“Sie weichen also, sagst du, die Athener?”

- Sie weichen, tot ist Labdakus, ihr Führer,

Erstürmt Pharissa, und wo Berge sind,

Da hallen sie von unserm Siegsgeschrei. -

“O teuerster Sosias! Sieh, da mußt du

Umständlich mir, auf jeden Zug, erzählen.”

- Ich bin zu Euern Diensten, gnädge Frau.

Denn in der Tat kann ich von diesem Siege

Vollständge Auskunft, schmeichl’ ich mir, erteilen:

Stellt Euch, wenn ihr die Güte haben wollt,

Auf dieser Seite hier -

(Er bezeichnet die Örter auf seiner Hand.)

  • Pharissa vor

- Was eine Stadt ist, wie Ihr wissen werdet,

So groß im Umfang, praeter propter,

Um nicht zu übertreiben, wenn nicht größer,

Als Theben. Hier geht der Fluß. Die Unsrigen

In Schlachtordnung auf einem Hügel hier;

Und dort im Tale haufenweis der Feind.

Nachdem er ein Gelübd zum Himmel jetzt gesendet,

Daß Euch der Wolkenkreis erzitterte,

Stürzt, die Befehle treffend rings gegeben,

Er gleich den Strömen brausend auf uns ein.

Wir aber, minder tapfer nicht, wir zeigten

Den Rückweg ihm, - und Ihr sollt gleich sehn, wie?

Zuerst begegnet’ er dem Vortrab hier;

Der wich. Dann stieß er auf die Bogenschützen dort;

Die zogen sich zurück. Jetzt dreist gemacht, rückt er

Den Schleudrern auf den Leib; die räumten ihm das Feld

Und als verwegen jetzt dem Hauptkorps er sich nahte,

Stürzt dies - halt! Mit dem Hauptkorps ists nicht richtig.

Ich höre ein Geräusch dort, wie mir deucht.

Text gemeinfrei

Jetzt fehlt nur noch, wie du ihn spielst.

Spielanleitung: Situation, Ziel der Figur, typische Fallen beim Vorsprechen

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Die Epoche: Zwischen Klassik und Romantik

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