Redeangst überwinden gelingt am besten Schritt für Schritt: mit Atem- und Körpertechniken gegen die akute Nervosität, guter Vorbereitung und regelmäßiger Übung vor anderen Menschen. Die gute Nachricht: Redeangst ist weit verbreitet und lässt sich trainieren. Wenn die Angst dein Leben stark einschränkt, kann zusätzlich eine Psychotherapie helfen.
Gregor Schleuning ist Schauspieler, hat an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch studiert und stand u. a. am Salzburger Landestheater auf der Bühne. Stand: Oktober 2026.
Das Wichtigste in Kürze
- Redeangst heißt fachlich Glossophobie. Leichte Nervosität vor einem Auftritt ist normal.
- Akut helfen langes Ausatmen, ein fester Stand und ein auswendig gelernter erster Satz.
- Langfristig hilft nur Übung: kleine Auftritte, die du Schritt für Schritt steigerst.
- Schränkt die Angst Beruf oder Alltag stark ein, sprich mit einer Ärztin oder Psychotherapeutin.
Wie nennt man die Angst, vor anderen zu sprechen?
Die Angst, vor anderen zu sprechen, heißt Redeangst, Sprechangst oder Vortragsangst, fachlich Glossophobie, manchmal auch Logophobie. Davon abzugrenzen ist normales Lampenfieber: eine kurze Anspannung vor dem öffentlichen Auftritt, die auch erfahrene Redner, Speaker und Schauspieler kennen. Ist die Angst sehr stark und betrifft viele soziale Situationen, kann sie Teil einer sozialen Angststörung sein.
Was sind die Ursachen und Symptome von Redeangst?
Hinter Redeangst steckt meist die Sorge, bewertet zu werden: sich zu blamieren, einen Blackout zu haben oder vor den Zuhörern unsicher zu wirken. Typische Symptome sind:
- Das Herz rast, die Hände zittern
- Du beginnst zu schwitzen oder wirst rot
- Der Atem wird flach, die Stimme zittert
- Der Körper ist verkrampft, der Kopf plötzlich leer
40 %
aller Menschen haben Schätzungen zufolge Angst vor Redeauftritten, so die Kommunikationstrainerin Sigrid Sator in ihrem Ratgeber „Angstfrei reden und präsentieren“ (Hogrefe). Du bist also in guter Gesellschaft.
Warum fällt es mir so schwer, vor Menschen zu reden?
Weil Aufmerksamkeit für das Gehirn zuerst wie eine Gefahr wirkt. Der Körper schaltet in den Stressmodus, und die Symptome scheinen zu bestätigen, dass die Angst berechtigt ist. Wer daraufhin Präsentationen oder Wortbeiträge im Meeting vermeidet, verstärkt die Angst noch. Diesen Kreislauf durchbrechen kannst du nur, indem du dich der Situation in kleinen, machbaren Schritten stellst.
Was tun bei Nervosität vor einer Rede?
Diese Techniken aus dem Schauspiel helfen in den Minuten vor dem Auftritt:
- Lang ausatmen: Vier Sekunden einatmen, sechs bis acht Sekunden ausatmen. Das beruhigt den Körper spürbar.
- Fest stehen: Füße hüftbreit, Knie locker, Schultern sinken lassen. Ein stabiler Stand macht auch die Stimme ruhiger.
- Stimme aufwärmen: Summen, gähnen, ein paar Sätze laut sprechen, damit die Stimme nicht kalt startet.
- Ersten Satz sicher können: Wer den Einstieg auswendig weiß, kommt über die schwierigsten Sekunden hinweg.
- Freundliche Gesichter suchen: Sprich die ersten Sätze zu Menschen, die dir wohlgesonnen sind.
- Langsamer sprechen: Pausen wirken auf Zuhörer souverän, nicht unsicher.
Gregors Tipp
„Ich bin vor jedem Auftritt aufgeregt. Der Trick ist nicht, die Nervosität loszuwerden, sondern ihr eine Aufgabe zu geben.“
Auftritt mit Gregor übenWelche Übungen und Strategien helfen, Redeangst zu überwinden?
Langfristig baust du Redeangst ab, indem du immer wieder vor anderen sprichst und die Situationen langsam schwieriger machst:
| Stufe | Übung | Ziel |
|---|---|---|
| 1 | Vortrag allein laut proben und mit dem Handy aufnehmen | Eigene Stimme und Wirkung kennenlernen |
| 2 | Vor einer vertrauten Person sprechen | Erste Zuhörer, wenig Risiko |
| 3 | Kurze Wortbeiträge im Meeting oder in Vorstellungsrunden | Aufmerksamkeit aushalten |
| 4 | Kurze Präsentation vor einer kleinen Gruppe | Struktur und Blickkontakt üben |
| 5 | Vortrag vor größerem Publikum | Routine aufbauen |
Hilfreich sind außerdem Rollenspiele und Improvisation, wie sie in Theaterkursen geübt werden, und Mentaltraining: Stell dir deinen Auftritt vorher genau vor, vom Betreten des Raums bis zum letzten Satz. Auch Rhetorik-Clubs und Online-Seminare bieten einen geschützten Rahmen, um frei sprechen zu üben.
Wie kann ich mich auf eine Rede vorbereiten und sicherer auftreten?
Gute Vorbereitung nimmt einen großen Teil der Angst. Bewährt hat sich:
- Plane höchstens drei Kernaussagen, die einprägsam sind.
- Nutze Stichwortkarten statt eines ausformulierten Textes, dann sprichst du frei.
- Probe den Vortrag laut und mit Uhr, am besten vor einer vertrauten Person.
- Sieh dir den Raum vorher an und stell dich einmal an deinen Platz.
- Halte Blickkontakt, indem du jeden Gedanken an eine einzelne Person richtest und ihr direkt in die Augen schaust.
Gregors Tipp
„Dein Publikum will, dass du gut bist. Niemand im Raum wartet darauf, dass du scheiterst.“
Auftrittscoaching ansehenWas Schauspieler gegen Lampenfieber tun
Auch Profis haben vor der Premiere Lampenfieber. Der Unterschied: Sie nutzen die Anspannung. Schauspieler wärmen Körper und Stimme vor jeder Vorstellung auf und konzentrieren sich auf ihr Ziel in der Szene, nicht darauf, wie sie wirken. Übertragen auf deine Präsentation heißt das: Denk an das, was dein Publikum mitnehmen soll, statt an dich selbst. So wird Nervosität zu Präsenz und Ausstrahlung. Wer das gezielt für Führungsrollen trainieren will, findet es im Theatertraining für Führungskräfte.
Wann sollte ich bei Redeangst professionelle Hilfe suchen?
Hol dir Unterstützung, wenn die Angst dich stark einschränkt: etwa wenn du Jobs, Prüfungen oder Weiterbildungen meidest, schon Tage vorher kaum schläfst oder Panikattacken bekommst. Erste Ansprechpartner sind deine Hausärztin oder eine Psychotherapeutin. Bei sozialer Angst gilt vor allem die kognitive Verhaltenstherapie als wirksam. Ein Coaching ersetzt keine Therapie, kann sie aber gut ergänzen, wenn es um das praktische Training von Auftritten geht. Deine mentale Gesundheit geht vor.
Fazit
Redeangst überwinden ist kein Talent, sondern Training. Mit Atem- und Körpertechniken, guter Vorbereitung und regelmäßiger Übung wirst du Schritt für Schritt selbstsicherer. Der erste Schritt kann ganz klein sein: eine Wortmeldung im nächsten Meeting.



